Der Menschensohn ist nicht gekommen,
dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene

und sein Leben gebe als Lösegeld für viele. (Matthäus)

Was meint Jesus, wenn er davon spricht, dass er sein Lösegeld für viele gibt?

In der Zeit Jesu gab es – wie heute – sehr viele Sklaven. Die Sklaven konnten sich damals, wenn sie Geld angespart hatten, loskaufen, oder wenn sich jemand für sie interessierte, konnten sie losgekauft werden. Viele Menschen wurden in der Antike entführt und als Sklaven verkauft. Jesus kauft Menschen los, indem er sich selbst für sie opfert – anders gesagt: Um Entführte zu befreien, gibt er sich selbst in die Hände der Entführer. Er gibt sein Leben, um Menschen zu befreien. Es geht nicht um die Frage: Wem hat er sich, sein Leben als Lösegeld gegeben, wer ist der Entführer. Das wird hier alles nicht gesagt. Darum geht es nicht. Worum geht es? Jesus möchte Menschen befreien. Er möchte Menschen befreien, um sie zu sich selbst zu führen, um ihnen ein Leben mit Gott zu ermöglichen. Ein Leben des Gott-Vertrauens, ein Leben in der Hingabe an Gott, ein Leben, das von Gott bestimmt wird und nicht von der Angst vor dem Tod, nicht bestimmt wird von der Angst vor bösartigen Menschen und Mächten, Angst vor der eigenen Sündhaftigkeit, den eigenen Irrtümern.

Es ist ein Befreiungswort – ein Freiheitswort. Der befreite Mensch legt sich dankbar in die Hand Gottes, der ihn freigekauft hat.

Jesus sagt seinen Jüngern: Seht, wir gehen hinauf nach Jerusalem, es wird alles vollendet werden, was geschrieben ist durch die Propheten vom Menschensohn. (Lukas)

Jesus geht seinen Leidensweg, er geht in sein Leiden. Er kündigt es den Schülern an. Die Jünger wollen es nicht verstehen, wollen ihn davon abhalten. Sie haben andere Pläne mit Jesus, große Pläne, mächtige Pläne, Gott soll retten, Gott soll große politische Wunder tun. Aber Jesus sagt ihnen, dass der Plan Gottes darin liegt, dass er seinen Leidensweg geht. Seine Jünger verstehen nicht.

Und so haben auch wir im Glauben häufig Pläne, wir stellen uns Gott so und so vor, mächtig, vor Leiden schützend, als mächtigen Kriegsherrn, der Frieden stiftet, indem er ihn friedlosen Menschen aufzwingt. Er ist es. Aber es kann eben auch sein, dass er uns zutraut, leiden zu können und Verantwortung selber zu tragen. Dass er uns im Leiden stärken möchte und lehren möchte, uns ihm anzuvertrauen im Leben und Sterben, im Tod. Manchmal ist es auch so, dass wir erst im Rückblick erkennen können, warum Gott nicht eingegriffen hat, sondern die Bösartigkeit des Menschen zu etwas Gutem führt, was der Mensch vorher nicht denken konnte.  Aber eben auch hier: durch das Leiden hindurch. Es liegt an uns, wie wir uns im Leiden positionieren. Im Namen Gottes.

Heute, wenn ihr seine Stimme hört, so verstockt euer Herz nicht. Hebräer 3,15

Wir haben zwei Bibeln: an erster Stelle steht unsere Bibel, in der wir Gottes Menschenwort lesen und hören; dann haben wir die Natur, die Schöpfung Gottes als Bibel. Auch in ihr können wir Spuren Gottes erkennen. In der Schönheit der Pflanzen, der Schönheit des Himmels bei Tag und bei Nacht, in den Tieren. Obgleich die Schöpfung dem Verderben verfallen und vielfach grausam ist, können wir in ihr doch noch ein wenig von Gottes wunderbarer Schöpfung wahrnehmen, spüren, sehen. Je mehr wir die Augen, die Ohren, alle Sinne für die Schöpfung geöffnet haben, desto stärker können wir ihre Schönheit mit allen Sinnen in uns aufnehmen. Das gilt auch für das erste Wort: die Bibel. Ihre Worte sind wunderbar hilfreich, schön – aber das verstehen wir erst dann, wenn wir – wie in die Schöpfung – tief in sie eingedrungen sind. Doch unser Herz ist verstockt. Das heißt, wir sind wie Menschen, die durch die Schöpfung stapfen, aber all die Wunder um sie herum nicht wahrnehmen. Wir lesen die Worte der Bibel, aber ihre Tiefe an Weisheit, ihre Schönheit, ihre erhabene Heiligkeit nehmen wir nicht wahr.

Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit. Johannes 1,14b

Als die Zeit erfüllt war, schreibt Paulus, sandte Gott seinen Sohn in die Welt. Das ist erfüllte Zeit. Das, was wir heute in unserer Kultur über Zeit denken, das ist sehr stark vom jüdisch-christlichen Glauben geprägt worden. Die Welt hat mit dem Schöpfungshandeln Gottes einen Anfang – und sie wird von Gott am Ende der Zeiten vollendet werden. Und die Zwischenzeit ist Menschheitsgeschichte, in die Gott immer wieder korrigierend eingreift, weil der Mensch immer wieder in asoziale Handlungen hineinfällt. Gott erwählt sich das Volk Israel, gibt diesem Volk Gebote, er sendet zu den jeweiligen Zeiten Propheten, die es korrigieren sollen. Die Fülle und die Mitte der Zeit ist dann das Kommen Jesu Christi – und Gott wendet sich mit ihm auch den Völkern zu. Dieses Kommen Jesu Christi wird von den Menschen, die ihn erlebt haben, und von Glaubenden als eine sehr, sehr lichtvolle, helle, menschlich warme Zeit erfahren: die Zeit der Herrlichkeit. Davon spricht der Evangelist Johannes, wenn er schreibt:

Wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.

So spricht der Herr, der dich geschaffen hat, Jakob, der dich gemacht hat, Israel: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst. Ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein. Jesaja 43,1

Dieses wunderschöne Wort wird Jakob bzw. Israel zugerufen. Israel soll sich nicht fürchten, Israel wurde von Gott beim Namen gerufen. Israel gehört Gott. Was Gott dem Volk Israel zuruft, das hat er auch uns Christen zugerufen. In Jesus Christus, in dem Gott im Volk Israel auf die Welt gekommen ist, sind wir in die Zusage für das Volk hineingenommen worden. Jeder einzelne, jede einzelne: Gott kennt uns. Gott benennt uns. Wir gehören Gott. Wir gehören Gott, der uns erlöst, der uns befreit. In Ewigkeit. Darum: Fürchte dich nicht.

Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen. Jesaja 42,3

Wie sehr verkennen wir Gott. Viele Menschen werfen Gott vor, den Leidenden noch einen Schlag mehr, denen, die am Boden liegen, noch ein paar Fußtritte zu geben. Viele haben kein gutes Bild von Gott – darum muss Gott sich von Menschen viele ungerechte Vorwürfe gefallen lassen. Er lässt sie sich gefallen, weil er weiß, dass wir Menschen eben Menschen sind. Wir meinen, wir wüssten viel – und wissen doch so gut wie nichts; wir meinen, wir wären wunderbar liebende Menschen, aber kippen doch immer wieder vom Rand der Liebe in den Abgrund. Wir verstehen Gott nicht. Er ist einfach unfassbar. Dieser unfassbare Gott lässt durch den Propheten Jesaja sagen: Gott ist nicht ein Zerstörer-Gott, der das vom Schicksal geknickte Rohr auch noch zerbricht. Gott ist nicht einer, der den letzten Funken, der in uns Menschen glimmt, auslöscht. Gott richtet auf, Gott entfacht die neue Flamme. Wir verstehen so viel nicht. Das, was Gott durch den Propheten Jesaja aussprechen lässt, hat er in Jesus Christus Mensch werden lassen. Und so bekennt der Evangelist Matthäus von Jesus: Er ist es, der das geknickte Rohr nicht zerbrechen wird, er ist es, der den glimmenden Docht nicht auslöschen wird. An Gott in Jesus Christus halten wir uns, wenn wir auch vieles nicht verstehen.   

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat. Psalm 103

Wie schnell vergessen wir, wenn Gott uns etwas Gutes getan hat. Es ist mir schon häufiger passiert – wahrscheinlich Ihnen auch, weil wir Menschen sind – dass wir eine wichtige und gute Begebenheit von Gott herleiten. Dann sagen wir ganz begeistert: Gott, mein Gott, sei Dank! Das, Gott, werde ich bestimmt nicht mehr vergessen! Und dann ein paar Tage später denken wir noch einmal daran, denken: Da war doch was? Wir können uns noch ein wenig daran erinnern – doch dann rutscht es langsam aber sicher in die Versenkung. Aber wie wichtig das ist, sich an all das zu erinnern, was Gott Gutes an uns getan hat, hört man am Anfang des Satzes unseres Psalmes: Lobe den Herrn, meine Seele! – Wir können Gott nur loben, wenn wir uns an das erinnern, was er uns getan hat. Sonst wird es ein sehr allgemeines Lob – aber dann, wenn wir uns erinnern, dann kommt das Loben von Herzen. Das, was von Gott gesagt wurde, gilt auch von Menschen. Wie schnell vergessen wir! Aber fordern wir uns immer wieder neu auf:

Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat.

Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir fordert: nichts als Gottes Wort halten, Liebe üben und demütig sein vor deinem Gott. Micha

Ja, uns wurde viel gesagt. Uns wurde viel Gutes und Hilfreiches gesagt. Wegweisendes. Etwas, das uns zum Leben führt. Ja, uns wurde viel gesagt. Es geht zu einem Ohr rein, zum anderen Ohr raus. Wir haben dafür auch viele Entschuldigungen. Gottes Wort im Alltag halten – hm, nicht unbedingt leicht. Liebe üben – manchen Menschen gebührt unsere Liebe nicht, und demütig sein – Gott, das hat einen negativen Beiklang. Wir wissen das alle. Wir müssen nicht viel darum herumreden. Wir können nur eines machen, bitten: Gott, vergib uns unsere Schuld. Hilf Du uns, Dein Lebenswort ernst zu nehmen. In deine Liebe bergen wir uns zerrissene Menschen. Amen.

Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhl Christi. (2. Korintherbrief 5,10)

Volkstrauertag. Völker kommen miteinander nicht klar, bis sich die Unruhen der Menschen in militärischen Auseinandersetzungen entladen. Gesellschaften kommen nicht klar, Gruppen in ihr versuchen die anderen zu dominieren, mit Mitteln, die das Zusammenleben beschweren, Denunziationen, Ausgrenzungen, zum Schweigen bringen. Einzelne Menschen bringen kalten Unfrieden und zerstören das Zusammenleben. In uns Menschen selbst brodelt und knistert es, weil wir mit uns selbst nicht einig sind. In der Friedensdekade, die das Motto „Umkehr zum Frieden“ hat, werde ich auf den Frieden mit Gott eingehen. Für mich ist dieser Frieden die Grundlage jeglichen Friedens in der Welt.

Siehe, dein König kommt zu dir, ein gerechter und ein Helfer. (Sacharja)

Jesus Christus – der König. Ist es nicht verknöchert, alt, unsinnige Tradition, Jesus als König zu bezeichnen? Glaubende, die Jesus Christus als König bezeichnen, sagen damit aus, dass für sie Jesus Christus der Herrscher ist. Menschliche Herrschaften, Gesetze sind immer diesem König unterzuordnen. Glaubende sind allein diesem König verantwortlich – da können menschliche Herrscher und Ängste und Gefahren noch so viel Autorität beanspruchen. Glaubende gehören diesem Herrscher, diesem allein. Sie haben sich nach seinem Willen auszurichten, diesen zu tun, so gut sie es können.

Gleichzeitig ist dieser Herrscher aber sanftmütig, barmherzig, heilig. Der Gott-König wurde nach seiner Geburt als Säugling in eine Futterkrippe gelegt. Er dient, er hilft, er steht bei, er hat gelitten, hat nicht das Blut seines Volkes verlangt, sondern selbst sein Blut vergossen. Menschen-Herrscher haben sich an ihm zu messen. Er stellt menschliche Herrschaften auf den Kopf. In diesem Sinn leben Glaubende unter menschlichen Herrschaften, nicht herrschend, sondern dienend. Aber sie gehören allein Jesus Christus und sind allein ihm verantwortlich.  Und sie werden einmal bei ihm sein, bei dem König der Herrlichkeit. 

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns und wir sahen seine Herrlichkeit. (Johannes)

Gott wurde in Jesus Christus Mensch. Wir sahen seine Herrlichkeit. Das ist ein stolzes Wort. Ein Wort, in dem Freude und Jubel versteckt sind. Kein Mensch hat Gott je gesehen, keiner hat ihn gehört, keiner hat ihn gespürt – und hier, in diesem Menschen Jesus von Nazareth ist Gott sichtbar, hörbar, zu spüren. Es gibt daran keinen Zweifel, denn wir sahen seine Herrlichkeit, sagt der Evangelist Johannes. Was ist das für eine Herrlichkeit? Es ist die Herrlichkeit, die unser Menschenleben ganz auf den Kopf stellt. Wir können machen was wir wollen: Wir stellen uns unter Herrlichkeit etwas anderes vor als ein Kindchen in Armut geboren. Als ein Mann, der durch den Staub Galiläas zieht, kluge Worte spricht und einzelne Menschen heilt. Die Herrlichkeit Jesu Christi können wir nur sehen, wenn wir wie Menschen zu allen Zeiten uns Gott in Jesus Christus öffnen, ihm unsere Seele, unser Herz, unseren Verstand hinhalten. Er macht uns zu Gottes Kindern. Alles ist zutiefst irdisch, gering. Und so begegnen wir Menschen durch die Jahrhunderte hindurch der Herrlichkeit Gottes in den tiefsten Tiefen des Lebens. Er hat uns zu einem Kind Gottes gemacht: Wir spüren seine Liebe, erfahren seine Kraft, und ein Drängen, eine Sehnsucht, ein Hunger nach Ihm, der die Herrlichkeit ist.

Über dir geht auf der Herr, und seine Herrlichkeit erscheint über dir. Jesaja

Auch Christen müssen sich immer wieder daran erinnern:
Ich gehöre Jesus Christus.
Ich bin in seiner Hand geborgen.
Seine Liebe stärkt meinen Mut.
Seine Freude ist meine Kraft, meine Herrlichkeit.

Der Alltag treibt Christen immer wieder weg von Jesus Christus:
Ängste machen sich breit,
Übles nimmt den Raum ein.
Zorn wie Ratlosigkeit verkrampfen und blenden.
Gleichgültiges Gewöhnen gähnt lautstark.
Die Herrlichkeit Gottes, unsere Herrlichkeit, ist weit, weit weg.

Jesus lehrt uns um seinen Gottes-Geist bitten:
Den Geist des Friedens und der Liebe,
den Geist der Hoffnung und des Segens,
den Geist der Reinheit, des Vertrauens,
den Geist Gottes, der uns Herrlichkeit im Herzen schenkt.