Himmelspost 4,2019

 

Bald dominieren wieder die Rosen.

Ihr Duft, ihre Schönheit, ihre verschwenderische Fülle betören.

Warum empfinden wir etwas als schön,

das uns keinen Nutzen bringt, im Gegenteil, Energie nimmt – empfinden es sogar schöner als das, was uns nützt?

Warum empfinden wir etwas als schön, was gar nicht merkt, dass wir es schön finden, das auch in Vollkommenheit blühen würde, ohne einen Menschen, der es wahrnimmt, weit und breit?

Ich bleibe dabei:

Es ist ein Stück Paradies, das noch in uns steckt, eine Ahnung von der Welt, wie sie gedacht war. Es ist ein Stück Paradies, kleine duftend bunte Fluchtpunkte, bei denen wir aus uns herausgehen können.

 

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Was für die Rose gilt, gilt auch für den Menschen, für sein Gesicht, für den gesamten Körper: Warum sind die Haarfarben so unterschiedlich - überhaupt der Haarschmuck oder der nicht mehr vorhandene Haarschmuck? Warum diese vielen Farben der Iris, verbunden mit den Farben der Augenbrauen, der Wimpern und Pupillen? Die vielen Formen der Nase und der Ohren, die faszinierende Vielfalt der Rottöne der Lippen – auch verbunden mit den weißen Zähnen? Übrigens: das Lachen, das Strahlen, die Offenheit, die Liebe des Gesichtes nicht vergessen!

Wenn Gott den Körper des Menschen geschaffen hat – in all seiner körperlichen Schönheit – welchen Eindruck hinterlässt das von Gott? Er muss einen Grund haben, den Menschen so schön zu schaffen.

 

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Warum finden wir den Frühling so schön? Das Bunte, das Grün, die Vögel? Wegen der Verheißung von Nahrung? Warum finden wir den Sommer so schön? Das Licht, die Wärme – es gibt Nahrung? Warum finden wir den Herbst so schön? Die flammenden Blätter, die Pilze, verblühende Blumen – wegen der Verheißung von Kälte, Nässe, Tod und Nebel? Schönheit empfinden wir nicht nur wegen irgendwas, wegen eines Nutzens, sondern einfach, weil etwas schön ist. Sternenhimmel, Wasserfall, Wasserglitzern – alles hat eigentlich keine Bedeutung für uns, aber es ist schön. Etwas berührt die Seele, öffnet sie, dringt ein, bereichert, erfröhlicht. Oh, Gott, bist du schön! Ist Gott schön? Der die Schönheit erkennen lässt, der die Seele Schönheit aufnehmen lässt, er selbst berührt die Seele, weil er schön ist.