Fünf Minuten Gedichte (zur Feier des wir-Magazins am 28.8.2016)

Was ich Ihnen heute bieten werde, sind keine vollendeten Gedichte, es sind Wort-Skizzen, Fragmente, Notizen, Rohmaterial für Gedichte aus meinem Gedicht-Tagebuch. Kurz: Es sind Unvollendete.

*

Das Chaos der Welt

schwappt nach Europa herüber.

Was können Worte?

Mauern bauen,

Herzen öffnen,

träumen lassen vom Wahren, Schönen, Guten?

Verantwortung wagen,

Verantwortung tragen?

Ist jedes Wort zu viel, weil Worte nur Hirne vernebeln?

*

Umweht von warmen Wortstrahlen schlief er ein.

Als die kühlen Wortschwaden kamen, wachte er fröstelnd auf.

Voller Sehnsucht nach Worten, die eine schützende Hütte bieten.

Groß ist die Macht leerer virtueller Worte!

Wie groß wird sie sein, die Macht der Worte,

gesprochen aus Wahrheit, Liebe, Glauben?

Ein Traum.

Umweht von warmen Wortstrahlen schläft er glücklich ein.

*

Im Blog

Ich ging in diesem Hause ein und aus.

Mein Name hatte einen Ruf,

mit ihm verband man meinen Charakter, mein Verhalten, meine Worte…

Nicht lange war ich weg, komme erwartungsvoll zurück.

Mein Name ist: unbekannt.

Manch einer erinnert sich kurz an mich,

ein Zuflug an verhuschter Erinnerung,

mit verblasstem Bild,

schemenhaft –

wie hieß er noch einmal?

Und du?

Lächelst du noch manchmal verträumt,

wenn du mich in Erinnerung siehst?

*

Ich lehne mich an das Bild,

das ich mir von dir mache.

Ich schwimme in deinen Worten,

die ich mit den Herzen höre.

Ich lasse mich tragen von deinem Atem,

den meine Sehnsucht mir zuträgt.

Bist du du,

bin ich du,

bist du ich?

Mein Herz gibt mir die Antwort,

mein Herz.

*

Wie eine Schwalbe

baue ich mit Lehm im Mund

das Nest für die Jungen,

die Flügge werden.

*

Sommerregen

Schon lange nicht mehr die Tropfen gespürt,

den Kopf in den Nacken gelegt und Regen getrunken,

durch Pfützen gestapft.

Schon sehr lange nicht mehr.

Warum eigentlich

nicht?

*

Garstig politische Rede

Gras wächst drüber.

Ich liebe die Hunde,

die das Gras wegkratzen.

*

Werft eure Sorgen auf Gott, heißt es im Neuen Testament.

Ich sorge mich um mich

Ich sorge mich um dich

Ich sorge mich um ihn um sie, um es.

Ich sorge mich um uns um euch.

Ich sorge mich bis ins Grab,

damit ich keine Sorgen hab.

Fröhlich lasse ich das Sorgen sein –

doch sie kommen von allein.

*

Krank geworden

schwor er unter Tränen:

Ich ändere mein Leben.

Gesund geworden

änderte er nichts.

*

Wenn die Nacht kommt,

der Trunkenbold grölend den Bürgersteig verfehlt,

die Partyqueen kichernd über ihre Füße stolpert,

die Liebenden schwer atmend Haut und Liebe spüren,

kann man manchmal auch Schluchzen hören,

in den Herzen.

Höre hin,

genau hin.

*

Am Morgen begegnet man lieber

dem kalten Wasser,

der Kaffeetasse,

der frischen Wäsche,

der Sonne am offenen Fenster,

dem Terminkalender,

Radio, Fernseher, Zeitung, Handy,

Stress, Hektik, Unzufriedenheit und Burnout gar –

lieber als Gott.

Gott, der kleine Erholungsurlaub zwischendrin, der Wegweiser, der Stressnehmer –

ach Gott, keine Zeit!

*

Angesprochen auf ihren langen Mittagsschlaf,

sagte sie:

Oh, man muss doch ausgeschlafen sein,

wenn man Nachts all die interessanten Fernsehsendungen anschauen will.

*

Der Schwalbenschwarm in der Luft

Ist munter geschwätziges Durcheinander.

Der Fischschwarm im Wasser

Ist stumme, glitzernde Gleichgerichtetheit.

*

Die Frau sagte: Ich liebe den Wind in den Haaren, den Hauch von Freiheit.

Die Frau sagte, ich liebe es, mein Gesicht zu zeigen, den Hauch von Würde.

Was wäre, wenn keine kleinen zwitschernden Federbällchen mehr durch die Luft fliegen würden?

Die meisten würden es nicht bemerken.

*

Viele Flüchtlinge ertrinken in unserem Land.

Vielleicht wissen sie nicht, wie man in unserer Sprache

Um Hilfe schreit?

Manche Flüchtlinge werden in unserem Land gewalttätig.

Vielleicht wissen sie nicht, wie man in unserer Sprache

Um Hilfe schreit?

Im Zuge meines Nachdenkens über Gedichte – wegen der WIR-Magazin-Feier Ende August – dachte ich an Marcel Reich-Reinicki, der sagte, er kenne keinen guten Schriftsteller, der im Alter noch Gedichte schreibt. Man schreibt im Alter vielleicht keine Gedichte mehr – aber warum werden sie dann noch gelesen? Gedichte haben etwas.

Und beim Nachdenken über dieses Etwas dachte ich auch daran, dass Gedichte Welt Sprache werden lassen. Und indem sie Welt Sprache werden lassen, ordnen sie, lassen etwas bewusst werden, wahrnehmen, was man sonst nicht wahrgenommen hätte.

Wir leben heute in einer äußerst chaotischen Welt und Zeit. Zumindest schwappt das  Chaos der Welt auch nach Europa über. Benötigen Menschen in einer solchen Zeit weltordnende Gedichte? Sie lieben schöne Bilder. Aber ist dann nicht jedes Wort zu viel, weil sowieso schon allerorten geschwätzt wird?

Ist Kunst der Tagespolitik verpflichtet – oder dem Ewigen: der Liebe, dem Tod, dem Leiden, der Auferstehung, Gott?

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Weitere Texte nach 2016:

Leben bricht sich immer Bahn,

wenn man es nicht gewaltsam daran hindert.

*

Keine Frau mehr,

gefesseltes Objekt,

bestimmte Körperteile im Fokus

werden traktiert,

groß wird der Schmerz auf dem Gesicht

von der Kamera fokussiert.

Komplize der Gewalt.

*

Frühvögel singen

Markieren Revier

Freudig und dankbar

Den Fängen der Nacht,

Katzenfang

Marderbiss

Entronnen zu sein.

*

Der Großstädter klagte

Es gibt keine Bienen mehr.

Warum nicht?

Weil sie alle in unsrem

Kirschbaum fleißig arbeiten.